Montag, 15. April 2019


Der Ring des Nibelungen in 102 Minuten

Ein Versuch für das Papiertheater
Ulrich Chmel, Wien

 

Eine meiner allerersten Begegnungen mit dem Medium Papiertheater  war eine Vorstellung des Stückes DER RING DES NIBELUNGEN IN 110 Minuten.  I-Piccoli Theaterwerkstatt Gerhard Weiss, aus München, gastierte damit vor ca. 25 - 26 Jahren, anlässlich der Wiener Festwochen im SCHAUSPIELHAUS, in der Wiener Porzellangasse.  Das war ein Eindruck!!! Unglaublich. Vielleicht hat mich dieses Erlebnis vor etwa 2 Jahren dazu inspiriert, mich selbst an ein solches Experiment heranzuwagen.  In der Zwischenzeit habe ich dieses unglaublich schöne Werk von Richard Wagner einige Male erlebt, in Bayreuth, in der Wiener Staatsoper und bei den Mistelbacher Figurentheatertagen - als Handpuppenstück. Insgesamt habe ich " den Ring" so an die 7 Mal in den verschiedenen Versionen erlebt und verinnerlicht.

Die Verkürzung ist die schwierigste Aufgabe

Es ist meine Auffassung, dass Stücke für das Papiertheater der Größe der Bühne anzupassen sind.  Das längste Stück aus meinem Spielplan (Die schaurig schöne Geschichte vom Gevatter Tod) dauert 50 Minuten.  110 Minuten (reine Spielzeit)  für insgesamt 4 Opern (Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung) erscheinen daher das Maximum, welches man Besuchern im Papiertheater abverlangen kann.   Aus diesem Grunde habe ich als Arbeitstitel für mein "Monsterwerk" DER RING DES NIBELUNGEN IN 102 MINUTEN gewählt. Wohl auch als Mittel der Selbstdisziplin.
  
Meine Herangehensweise

Da ich ein sehr optisch ausgerichteter Mensch bin, beginne ich eigentlich jedes Stück mit der Planung des Bühnenbildes. Wenngleich  mein Bühnchen über einen Schnürboden verfügt, ist die Anzahl der Bühnenbilder sehr begrenzt. Ich habe als erstes ein Storyboard  gezeichnet, um einen ersten ungefähren Überblick über den Bedarf zu erhalten.

 

Es braucht für das Stück folgend Bühnenbilder/Kulissen (Mindestausstattung)

·         am Rheingrund
·         Bergeshöhen
·         Mimes Schmiede
·         Hundings Hütte
·         eine wilde Schlucht
·         die Neidhöhle
·         eine Halle
Schon beim Zeichnen des Storyboards ist  die Idee entstanden, einfache, scherenschnittartige Bühnenbilder/Kulissen herzustellen und die Farbe mittels entsprechender Beleuchtung eines weißen Bühnenhintergrundes  zu illusionieren.  Zwei Gründe dafür: erstens, einfache Bühnenbilder/Kulissen sind platzsparend (am Schnürboden ist alles dicht gedrängt!) und zweitens, ergibt dunkel vor hell/bunt einen tollen Kontrast, der sehr einprägsam ist. Dies war der Grundstein für die weitere Arbeit, die sich nun schon an die zwei Jahre hinzieht. Alles deutet in diesem Stadium der Projektentwicklung auf eine sehr moderne,  "schnörkellose" Inszenierung hin.  Geistiger Hintergrund war naturgemäß die Inszenierung des absurden Stückes "Imagination".


Die Personen der Handlung


 

Die Tetralogie "Ring" ist wohl ein besonders umfangreiches Werk, es gibt aber vergleichsweise wenig  darstellende Figuren. Trotzdem sollten sich  diese Figurinen einfache,  reich an Kontrasten seiende, Bühnenbild gut einfügen.
Die Frage, welche bei jeder Ring-Inszenierung auf der "wirklichen Oper" gestellt und mit großer Emotion geführt wird, ist, wie stellt man einen Gott auf der Bühne dar. Es gibt immer einen Teil der Zuschauer, der an der Kostümierung Wotans  Kritik übt. Ich habe darauf hin immer die Frage gestellt: "Wer hat denn schon einmal einen Gott gesehen und weiß, wie er aussieht?". Moses hat behauptet, er habe Jahwe auf dem Berg Sinai gesehen. Es ist aber keine Beschreibung überliefert. Zeus hat sich jedes Mal verwandelt, wenn er mit einer Menschenfrau zusammen war. Ja, von Wotan hört man sogar in dieser Oper, er habe sich als "Wälsung" (Werwolf) getarnt, als er die Zwillinge Siegmund und Sieglinde gezeugt hat. Niemand kann also sagen, wie Wotan ausgesehen habe. Also auch nicht so, wie er zu Zeit Richard Wagners auf die Bühne gestellt wurde. Gut. Also dacht ich, ich mache die Götter in dieser Oper durchsichtig. Das geht aber auch nicht so gut, man sollte doch zumindest eine Ahnung haben, wer und wo sich gerade auf der Bühne befindet.  Letzten Endes verwendete ich für Wotan, Fricka , Freya und Loge einen milchglasartigen Kunststoff, der durch das Bühnenrücklicht "durchscheinend" wirkt.  Auf der Rückseite der Figuren brachte ich eine leichte schwarz/weiß Zeichnung an, die andeutend die dargestellte Figur erkennen lässt. Bei Wotan ist ein roter Gürtel zu erkennen. Bei all seinen vielen Kindern, die im Stück vorkommen, wird ebenfalls ein roter Gürtel das Signal der Familienzugehörigkeit sein.

Die Riesen Fafner und Fasolt

Es ist ja in Wirklichkeit fast unmöglich auf der wirklichen Bühne Richard Wagners RING in allen von ihm geforderten Details darzustellen. Viel leichter geht dies auf der Figurentheater- oder Papiertheaterbühne. Die Riesen sollten im Vergleich zu normaler Menschengröße wirklich groß
erscheinen.  In Anlehnung an den Stil des Henri Matisse entwarf ich zwei Riesenfiguren, die tatsächlich alle überragen. Auch der Feuergott Loge bekam eine (durchscheinende) Gestalt a la Matisse.

 
Die Schwarzalben oder auch Nibelungen

Alberich, der Gegenspieler Wotans und sein Bruder Mime werden immer wieder  als krötenartige Zwerge (die Rheintöchter bezeichnen Alberich als "schwarzer, schwieliger Schwefelzwerg") genannt. So war also die Gestaltung dieser Figuren - die sehr märchenhaft klingt - doch einfach zu realisieren.
Wie bei Wotan der rote Gürtel, sind bei Alberich die Farbe schwarz/gelb wichtig. Sie kommen wieder bei Alberichs spät gezeugten Sohn Hagen als Zeichen der Blutsverwandtschaft ins Spiel.

Die Rheintöchter

Bei der Uraufführung, so habe ich die Bühnenbild-Modelle , in Bayreuth gesehen, wurden die Darstellerinnen der Rheintöchter auf bewegliche Drahtgestelle gebunden, die während diese armen Frauen singen mussten, hin und her bewegt wurde.

Für diese Eingangsszene hatte ich den Einfall einer Schattenbühne.  Die Figurengruppe der Rheintöchter wird mit einem Führungsstab an diese Milchglasscheibe gedrückt und hin und her bewegt. Und schon schwimmen sie.

Siegfried und alle anderen Figuren

Die übrigen Figuren für den RING werden wohl alle sehr menschlich gehalten. Doch wird ihre Darstellung schnörkellos und einfach sein. Dies erleichtert auch ungemein die Wahrnehmung selbst in den hinteren Reihen. Hier kann ich noch keine Bilder liefern, da ich beim Zeichnen noch in der Entwicklungsphase bin.

Technische Lösungen

Zumindest zwei Vorgänge kann ich hier erläutern. Zunächst ein Bild vom "Feuerzauber". Die  Figur Brünnhildes ist an der Rückseite des Bühnenbildes fix montiert  und muss zum richtigen Zeitpunkt die liegende Brünnhilde.
 
 Als zweites Beispiel möchte ich die Szene beschreiben, in welcher Siegfried den Drachen Fafner tötet. Die Höhle stelle ich als kreisrunde Öffnung in dieser Schwarzen Wand dar. Die Bühnenrückwand wird grün beleuchtet. In diese kreisrunde Öffnung rollt der Drache, der in sich zusammengerollt, mit vorstehendem Haupt dargestellt wird. Sobald Siegfried den Drachen getötet hat rollt die Figur weiter und von oben wird die Öffnung mit rot  (Symbol für das Drachenblut)  gefüllt.



 

Noch viel Arbeit bis zur Uraufführung 

Da nun die Bühnenbilder/Kulissen ziemlich fertiggestellt sind, kann ich mich mit Nachdruck der Textverkürzung und der Auswahl der besonders wichtigen Musikbeispiele widmen. Wie bei meinen bisherigen "Wagner-Opern" LOHENGRIN FÜR EILIGE" und
"TANNHÄUSER KURZ UND GUT"  werden Musikteile, Gesangpartien und erklärender Text so zusammen zu fügen sein, dass das ganze eine kontinuierliche und selbsterklärende Handlung ergibt. Das Projekt ist im Laufen und soll 2020 abgeschlossen und reif für eine Uraufführung sein. 102 Minuten sind ja ca. 1 3/4 Stunden Handlung.  Da dies für ein Papiertheaterstück wirklich "überlang" ist, wird wahrscheinlich eine Erfrischungspause eingeräumt werden.

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