Samstag, 26. Oktober 2013

Gevatter Tod


DIE SCHAURIG SCHÖNE GESCHICHTE VOM GEVATTER TOD


Eine Collage aus einem Märchen und Bruchstücken des Berner Totentanzes


Vor sehr vielen Jahren hatte ich die Gelegenheit, im Rahmen des Figurentheaterfestivals  in Mistelbach eine Aufführung des Märchens aus der Sammlung der  Gebrüder Grimm “GEVATTER TOD“  zu erleben, welche in grandioser Weise ein Schweizer Puppenspieler mit Handpuppen dargeboten hat. Als ich dann, Jahre später,  im Berner Stadtmuseum den BERNER TOTENTANZ kennenlernte, war es für mich wie ein zündender Funke, mich dieses Themas auf der Papiertheaterbühne anzunehmen.
 

GEVATTER TOD

Das Märchen aus der Grimmschen Sammlung ist ein sehr kurzes und ein wunderschönes Gleichnis, wie achtsam man mit seinem Können  und Begabungen umgehen sollte.

Der TOD,  welcher vom armen Mann für sein 13. Kind zum Taufpaten auserkoren wird und dabei den Vorzug vor dem LIEBEN GOTT und dem TEUFEL bekommen hatte, läßt dieses Kind Medizin studieren. Als Taufgeschenk erhält der fertige Arzt ein Wunderkraut, welches er jenen Patienten geben soll, bei welchen er den TOD am Kopfende des Krankenbettes  sieht, worauf diese sofort geheilt werden. Sollte er den TOD jedoch am Fußende des Krankenbettes sehen, so müsse er diesen Patienten dem TOD überlassen. Niemals dürfe er den TOD dabei betrügen. Es kommt wie es kommen muß und der junge Arzt wird weltberühmt. Eines Tages wird dieser berühmte Arzt an das Krankenbett des sterbenskranken Königs gerufen, wo der Arzt den TOD am Fußende des Bettes erkennt. Die vielen Versprechungen des Königs lassen den Arzt sein Wort, welches er dem TOD gegeben hatte, vergessen und veranlaßt, daß das Bett gedreht werden solle. Dadurch übertölpelt er den Tod, kann den König heilen und wird reichlich beschenkt.  Trotz der Drohungen des Todes, sich für diesen Betrug zu rächen, passiert es, daß, viele Jahre später, der gleiche Betrug zur Heilung der todkranken Prinzessin vollzogen wird.  Daraufhin nimmt der Tod den Arzt in sein Reich und zeigt ihm die Lebenslichter der Menschen und bläst ohne Gnade das Lebenslicht des Arztes aus.
 

TOTENTANZ

Als Totentanz bezeichnet man jene bildlichen Darstellungen aus dem 14. Und 15. Jahrhundert, an – zumeist – Friedhofsmauern, Kirchenfenstern und Beinhäusern, die den Menschen vor Augen führen sollen, wie gerecht der Tod ist. Nur er mache keinen Unterschied zwischen arm und reich, zwischen Kaiser und armen Mann, zwischen Gottesdiener und Bösewicht. Die bildliche Darstellung wurde dafür gewählt, um die Botschaft auch jenen Menschen geben zu können, die nicht lesen und schreiben konnten.
 

PAPIERTHEATERSTÜCK

Für mich  stellte sich nun die Aufgabe, das Grimm‘sche Märchen zu dramatisieren, ein passendes Bühnenbild zu schaffen, die Figuren für dieses Stück auszuwählen und eine Musik für das ganze zu finden.

Drei Spielflächen

Bei der Konzeption hatte ich die Idee, die Geschichte erstens auf drei verschiedenen Spielflächen aufzuteilen:
·         Die Vorgeschichte
·         Die Lebensumwelt des jungen Arztes
·         Das Reich des Todes bzw. die Räume des Königs und der Prinzessin.

Für die Vorgeschichte – die Auswahl des Taufpaten (Gevatter) – sah ich die Vorbühne vor, welche durch eine Buschlandschaft von der späteren Lebensumwelt des Arztes getrennt erscheint.

Die zweite Spielfläche, eine fiktive alte Stadt, als Lebensumwelt des Arztes, stellte ich vor einer kleinen Mauer, in welcher Lichter in Laternen brennen. Diese sollten späterhin die Lebenslichter sein. Hinter der Mauer stellte ich die Konturen der Stadt als Schattenriß.
 
Jene Spielteile, die im Reich des Todes bzw. des Königs spielen, werden auf dem Niveau der Mauerkrone angesiedelt.  Es ist die Abgehobenheit aus dem Alltag der Menschen, was damit symbolisiert werden soll.

Einfügung von Elementen des Totentanzes

Aus den über zwanzig Szenen des Berner Totentanzes wählte ich sechs aus, um diese zu Beginn, nach den „Betrugs-Szenen“ und zum Schluß des Stückes einzubauen. Für den Beginn und die Schlußsequenz wählte ich die Darstellung der musizierenden Gerippe im Beinhaus. Für die Tanzsequenzen wählte ich die Figuren

·         des Kaisers
·         Des armen Mannes
·         Des Kaufmannes und
·         Des Arztes aus.
 



 


Die Figuren des Stückes


Die Bilder des Berner Totentanzes waren für mich so sprechend, daß ich mich daran machte, diese Figuren nachzuzeichnen und für meine „Rollen“ des Stückes zu adaptieren. Auf diese Weise entstanden die Figuren des unglücklichen Vaters, auf der Suche nach dem Paten, seine Frau, der Liebe Gott, der Teufel,  der junge Arzt, 3 Frauen und 3 Männer – welche vom Werdegang des Arztes erzählen, ein Herold, ein Vertrauter des Königs, der Kaiser, der arme Mann und der Kaufmann.

Die Figur des Todes und jene des „Sensenmannes, welcher das Lebenslicht ausbläst“  habe ich eigenständig gezeichnet und den anderen Figuren angepaßt. Die Figur des Todes wurde letztlich eine filigrane Laubsägearbeit, welcher ich zuletzt einen schwarzen Chiffon-Mantel übergelegt habe. Tod trägt als Kopfbedeckung eine schwarze „Gugel“.


 

Die Kulissen des Stückes


Für die Eingansszene habe ich Nachdrucke von „Waldkulissen“  aus dem 19. Jahrhundert gewählt. Gemeinsam mit der Buschlandschaft ergibt dies eine eigenständige Szenerie, welche die Lebenswelt des unglücklichen Vaters, z.B. als im Wald lebender Taglöhner, darstellt.



 
 


Die alte Stadt mit der Mauer und dem Schattenriß habe ich erfunden und selbst entwickelt. Der Schattenriß wird bei der Aufführung hinterleuchtet, um das Gefühl zu verstärken, nur Schatten zu von Häusern zu sehen. 



 


Für das Reich des Todes habe ich ein Prospekt mit einem zentralperspektifischen Ausgang, so quasi als Fluchtpunkt einer dunklen Säulenhalle entwickelt. Diese Säulenhalle habe ich auch durch entsprechende Seitenkulissen verstärkt. Der Prospekt kann gewechselt werden: Krankenlager des Königs, Prinzessin, bzw. Beinhaus (mit beweglichen Gerippen).
 



 


Zu den Kulissen zähle ich auch das Himmelbett des Königs, bzw. jenes der Prinzessin, welche „umgedreht“ werden können.

 








Die Musik zum Stück


Ursprünglich hatte ich die Idee, einen mir bekannten Drehleierspieler zu ersuchen, eine entsprechende Musik für dieses Stück zu spielen. Doch wurde diese Idee von jener übertroffen, die Prinzipalin des Möp-Figurentheaters, Katharina Mayer-Müller, zu ersuchen, Orgelimprovisationen dazu einzuspielen. Katharina Mayer-Müller hat Klavier und Orgel studiert und fungiert in mehreren Kirchen als Organistin. Sie hat dieser Idee sofort zugestimmt und letztlich großartige leitmotivische Orgelimprovisationen für die einzelnen Szenen eingespielt.
 
Bei diesem Stück alle Stimmen zu sprechen - wie immer auch die Frauenstimmen - war eine große Herausforderung für mich, die mir aber auch wieder großes Vergnügen bereitet hat.  Gemeinsam mit meinem langjährigen Tonmeister, Alexander Scherzer, konnte ich sogar "die Chöre" singen. 

Geschichte des Stückes


Obwohl DIE SCHAURIG SCHÖNE GESCHICHTE DES GEVATTER TODES schon im Oktober 2011 auf die Papiertheaterbühne kam, wurde es erst 9 Mal aufgeführt. Es ist ja eigentlich wie ein Märchenstück, welches man auf Grund der Thematik immer nur so um die Zeit des Novembers (Totengedenken) aufführen kann. Der Begriff TOD hält sehr viele Menschen davon ab, das Stück von sich aus zu verlangen bzw. hält auch viele Menschen davon ab es überhaupt ansehen zu wollen. Ich bin aber sicher, daß die Qualität des Stückes so gut ist, daß es die Zeiten überstehen und auch noch in vielen Jahren aufgeführt werden kann.
Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass  ein sehr interessanter Artikel über DIE SCHAURIG SCHÖNE GESCHICHTE VOM GEVATTER TOD  im Mitteilungsblatt der Europäischen Totentanz-Vereinigung e.V. http://www.totentanz-online.de/totentanz.php  (15. Jahrgang, November 2013, Heft 175) erschienen ist.
 
NACHTRAG vom 2.11.2013:
Leider verfüge ich nicht über eine elektronische Ausgabe von TOTENTANZ AKTUELL. Daher habe ich die Seiten eingescannt und füge sie auf diese Weise diesem Beitrag zu:
 






Kommentare:

  1. Lieber Ulrich,

    das ist eine ganz wunderbare Geschichte und Deine Realisierung ist ungemein eindringlich und schön. Du hast fantastische Figuren entworfen, großartig! Ich bin sehr berührt! Diese Inszenierung ist gewiss ein großer Genuss, der Angstschauer und Lustschauer gleichermaßen erzeugen wird. Ich hoffe sehr, dass der Sound mit Musik und Text ebenso eindrucksvoll sind... Gratuliere!
    Und ich kann nur sagen, dass ich mich sehr freue, wieder einmal nach Wien zu kommen, wenn du spielst!

    Alles Gute

    Gabriele

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    1. Liebe Gabriele! Vielen Dank für Deine Zeilen zum GEVATTER TOD. Anscheinend bin ich nicht so beweglich, wie Ihr alle. Ich wollte schon oft nach Augsburg kommen. Aber irgendwie ist es zu weit. Vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr. Du dürftest mir bezüglich der Produktion der Stücke, zugleich mit der Betsy aus München sehr ähnlich sein: SEHR EIGENSTÄNDIG :) Brava

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  2. Wir sind in der Nähe von Würzburg, lieber Ulrich, noch ein kleines Stückchen weiter nördlich! Aber wenn man schon mal in Deutschland ist, dann sollten diese wenigen km auch kein Hindernis sein. In Augsburg bin ich in den letzten Jahren nur einmal gewesen und wie es ausschaut werde ich auch nicht so schnell wieder dort hin fahren.
    Ich wünsche Dir unendliche Freude an der Arbeit weiterhin
    Gabriele

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  3. Letztes Wochenende hatte ich zwei wundervolle Vorstellungen in der Evangelischen Kirche in Floridsdorf (21. Bezirk von Wien). Beide Termine waren so gut wie AUSGEBUCHT. Obwohl der GEVATTER TOD ein Grimm-Märchen ist, ist es eigentlich ein Stück für Erwachsene - wie in den Zeiten vor Grimm. Trotzdem waren bei der ersten Vorstellung einige Kinder, so gar ein kleines Mädchen, welches auf dem Knie vom Vater in der ersten Reihe saß. Ich bekam dadurch alle Fragen und Ungeduld dieses Kindes (hinter dem Vorhang) mit. Großartig, wie dieses kleine Mädchen die 50 Minuten durchhielt und danach auch noch die Bühne sehr interessiert besichtigte.
    Den Erwachsenen konnte ich ein wunderschönes Gleichnis mit auf den Weg geben. Vielleicht gelingt es mir, dieses Stück auch einmal außerhalb der SAISON anbieten zu können. Ich glaube, es ist mein bestes Stück bisher (szenische Aufbereitung - Dramturgie - Aussage - Musik - Bühnenbild).

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